Baden-Württemberg verzeichnet 2025 weniger Straftaten – doch ausgerechnet bei Partnerschaftsgewalt, Cyber-Schäden und Telefonbetrug zeigen die Zahlen nach oben. Während die Gesamtkriminalität sinkt, erreicht die häusliche Gewalt ein Zehnjahreshoch. Zudem steigen die finanziellen Schäden im Internet und bei betrügerischen Anrufen deutlich an. Das geht aus der aktuellen Kriminalstatistik hervor, die Innenminister Thomas Strobl (CDU) in Stuttgart heute vorstellt.
Insgesamt sank die Zahl der Straftaten der sogenannten Allgemeinkriminalität um 5,7 Prozent auf rund 522.000 Fälle – rund 30.000 weniger als im Vorjahr. Die Aufklärungsquote lag mit 60,5 Prozent erneut über der Marke von 60 Prozent. „Baden-Württemberg ist und bleibt eines der sichersten Länder“, so Strobl.
Partnerschaftsgewalt auf Zehnjahreshoch
Besonders alarmierend aber ist die Entwicklung bei der Partnerschaftsgewalt. Die Zahlen stiegen 2025 um 2,1 Prozent auf rund 17.400 Fälle – der höchste Stand seit zehn Jahren. 19 Menschen kamen im Zusammenhang mit Partnerschaftsgewalt ums Leben. „Häusliche Gewalt zerstört Vertrauen, Familien, Sicherheit“, sagte Strobl. Jeden Tag habe die Polizei in Baden-Württemberg rund 50 Fälle von Partnerschaftsgewalt und rund 30 verletzte Opfer in dem Bereich registriert.
Knapp 80 Prozent der Opfer sind Frauen, fast 80 Prozent der Tatverdächtigen Männer. Rund drei Viertel der Taten sind Körperverletzungen. Laut Innenministerium wird nur etwa jeder zehnte Fall angezeigt. Das Land will deshalb in Hochrisikofällen häuslicher Gewalt künftig eine elektronische Aufenthaltsüberwachung, also Fußfessel, ermöglichen. Die neue Regelung schaffe Sicherheit, „indem sie Bewegungen und Abstand kontrollierbar macht“, so Strobl.
Telefonbetrug boomt
Massiv gestiegen sind betrügerische Anrufstraftaten, etwa „Falscher Polizeibeamter“, „Enkeltrick“ oder „Schockanruf“. Unter Einbeziehung der Auslandsfälle nahm die Zahl um 65,6 Prozent auf rund 14.600 Fälle zu. Der Gesamtschaden stieg um ein Viertel auf rund 23,1 Millionen Euro. Über 96 Prozent der Fälle blieben im Versuchsstadium, teilt das Ministerium mit.
„Lassen Sie sich niemals am Telefon zur Herausgabe von Geld- oder Vermögenswerten überreden. Die Polizei wird das nie tun! Sie ruft im Übrigen auch nicht unter der Notrufnummer 110 an“ sagte Strobl.
Cybercrime: Schäden auf Rekordniveau
Im Bereich Cybercrime sank die Zahl der registrierten Inlandsfälle zwar um 9,2 Prozent auf rund 13.600. Doch der Schaden stieg auf etwa 18,1 Millionen Euro – ein Plus von zwei Prozent und ein Allzeithoch. Noch gravierender sind die sogenannten Auslandsstraftaten: Rund 29.200 Fälle verursachten Schäden von 22,9 Millionen Euro. Die Aufklärungsquote liegt hier bei nur 0,9 Prozent.
Auch bei Straftaten mit dem Tatmittel Internet blieb die Zahl der Fälle mit rund 46.000 Fällen stabil. Der Schaden erhöhte sich jedoch um fast ein Viertel auf rund 92 Millionen Euro. Hinzu kommen knapp 80.000 Auslandsfälle. Die Aufklärungsquote bei diesen Auslandsdelikten beträgt lediglich 2,3 Prozent.
„Kriminelle Machenschaften verlagern sich zunehmend ins Netz“, sagte Strobl. Die Angriffe richteten sich nicht nur gegen Privatpersonen, sondern auch gegen Unternehmen und staatliche Einrichtungen.
Gewalt und Messerangriffe im öffentlichen Raum
Im öffentlichen Raum sank die Gewaltkriminalität um 6,2 Prozent auf rund 9600 Fälle. Auch Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung gingen um knapp zehn Prozent zurück, Messerangriffe um elf Prozent auf knapp 1200 Fälle. Etwa jeder fünfte Messerangriff ereignete sich im Bereich des öffentlichen Nahverkehrs.
Die Aufklärungsquoten sind vergleichsweise hoch: Bei Gewaltkriminalität im öffentlichen Raum liegt sie bei 71,5 Prozent, bei Sexualstraftaten bei 71,4 Prozent, bei Messerangriffen bei 78,5 Prozent, bei Mord und Totschlag sogar bei 91,5 Prozent.
Insgesamt sank die Zahl der die Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung um 4,5 Prozent auf rund 13.800 Fälle. Fast die Hälfte entfällt auf die Verbreitung, den Erwerb und Besitz pornographischer Inhalte. Die Fälle kinderpornographischer Inhalte gingen um 15,6 Prozent auf knapp 4200 zurück – ein wesentlicher Grund für den Gesamtrückgang.
Strobl sieht Fortschritte – und neue Sorgenfelder
Strobl sprach im Interview mit WELT TV von einer „zweifellos positiv zu bewertenden“ Entwicklung.
Besondere Aufmerksamkeit widmete der Minister der Entwicklung bei minderjährigen Tatverdächtigen. Während es bei Jugendlichen insgesamt positive Trends gebe, sei die Lage bei Kindern unter 14 Jahren „insbesondere auf der langen Linie sehr dramatisch“.
„Immer mehr Kinder begehen Straftaten, auch schwere und schwerste Straftaten“. Besonders problematisch sei, dass Kinder gezielt instrumentalisiert würden, „vor dem Hintergrund, dass diese Kinder ja gar nicht bestraft werden können“.
Strobl verwies darauf, dass die Strafmündigkeitsgrenze von 14 Jahren aus dem Jahr 1923 stamme. „Es könnte ja sein, denken Sie an das Internet, dass ein Jugendlicher aus dem Jahr 1923 nicht mehr unbedingt mit dem Jugendlichen aus dem Jahr 2026 zu vergleichen ist.“ Er habe daher angeregt, die Frage wissenschaftlich untersuchen zu lassen. Die frühere Bundesregierung habe sich jedoch geweigert, „das Thema überhaupt auf die Tagesordnung zu nehmen“. Er hoffe nun, „dass die neue Bundesregierung sich diesem Thema zuwenden wird“.
Mit Blick auf die Migrationspolitik unterstützte Strobl zudem einen Vorstoß seines hessischen Amtskollegen Roman Poseck (CDU). Dieser will ermöglichen, untergetauchte Ausreisepflichtige per Handy zu orten.
Strobl sagte dazu: „Das ist ein sehr guter Vorschlag.“ Er sei „sowieso der Meinung, dass wir der Polizei die technischen Möglichkeiten an die Hand geben müssen, die sie braucht, um Straftaten zu verhindern und Straftaten aufzuklären.“ Und weiter: „Und ich bin auch der Meinung, dass es nicht nur ein Grundrecht auf Datenschutz gibt, sondern es gibt auch ein Grundrecht auf Sicherheit in diesem Land.“
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