Die erschöpften Gesichter der Minister und Mitarbeiter in den monumentalen Ministerialgebäuden neben der Downing Street erzählen ihre eigene Geschichte. Als Keir Starmer beim wöchentlichen Schlagabtausch mit der konservativen Parteichefin Kemi Badenoch ans Rednerpult trat, wurde deutlich: Er hat eine politische Nahtoderfahrung hinter sich – und blickt in eine düstere Zukunft voller Schwierigkeiten.

Die gestrige Fragestunde im Parlament war eine regelrechte Tracht Prügel. Badenoch machte dem Premierminister der Labour-Partei, der sich als progressiver ehemaliger Anwalt und Staatsanwalt stets für den Kampf gegen Gewalt an Frauen und Mädchen starkgemacht hat, schwere Vorwürfe.

Er habe Warnungen ignoriert, wonach sein früherer Kommunikationschef Matthew Doyle, der kürzlich in das Oberhaus berufen wurde, mit einem Freund auch nach dessen Anklage wegen des Konsums von Kinderpornografie in Kontakt geblieben war. Starmer, so behauptete Badenoch, „stopft die Regierung mit Pädophilen-Apologeten voll“.

Es ist der jüngste Skandal in der Downing Street nach den Enthüllungen um Lord Mandelson, den Starmer 2024 zum Botschafter in Washington ernannt hatte. Das Ausmaß von Mandelsons Freundschaft zu Jeffrey Epstein und seine finanziellen Beratungstätigkeiten für den Sexualstraftäter war letzte Woche in den Epstein-Akten in beschämender Deutlichkeit offengelegt worden.

In Starmers innerem Zirkel brach daraufhin ein Chaos aus Schuldzuweisungen aus, an dessen Ende der Rücktritt von Starmers Stabschef Morgan McSweeney stand. Er war der wichtigste Stratege des Wahlsiegs 2024 und hatte die Ernennung Mandelsons vorangetrieben. In den Tagen darauf warfen auch Starmers aktueller Kommunikationschef Tim Allan und der ranghöchste Beamte im Dienst des Premierministers, Chris Wormald, das Handtuch.

Inzwischen wird gegen Mandelson wegen der mutmaßlichen Weitergabe sensibler Informationen aus Kabinettssitzungen nach der Finanzkrise 2008/09 an Epstein polizeilich ermittelt. Die Enthüllungen hätten beinahe auch für den Premierminister selbst das Ende seiner Karriere bedeutet.

Ihn quält seit Bekanntwerden von Mandelsons Fehlverhalten eine Gretchenfrage: Warum hatte er ihn mit dem wichtigsten Botschafterposten Großbritanniens belohnt – obwohl bekannt war, dass dieser in Epsteins luxuriösem Haus in New York gewohnt hatte, während Epstein in Florida eine Haftstrafe wegen der Anwerbung minderjähriger Mädchen für Sex verbüßte?

Parteikollege fordert Starmers Rücktritt

Der schottische Labour-Vorsitzende Anas Sarwar setzte zum Frontalangriff gegen seinen Parteikollegen an. Bei einer Pressekonferenz am Montag forderte er Starmers Rücktritt. „Die Führung in der Downing Street muss ausgetauscht werden“, sagte er. „Es gab zu viele Fehler.“

In London entstand hastig eine „Save Starmer“-Operation. Sie wurde im Kabinettsraum organisiert, mit dem Premierminister selbst als improvisiertem Callcenter-Mitarbeiter – um zu verhindern, was der frühere Labour-Vorsitzende und heutige Umweltminister Ed Miliband als einen Tag beschrieb, an dem man „am Rand des Abgrunds steht und hineinschaut“. Der Putschversuch scheiterte, aber die Probleme bestehen weiterhin.

Starmers persönliche Zustimmungswerte von rund 17 Prozent sind die niedrigsten aller Zeiten. Als der Labour-Chef im Sommer 2024 an die Macht kam, hatte Großbritannien in sechs Jahren fünf Premierminister erlebt. Nach einer müden und unpopulären konservativen Regierung schien das Regieren einfach zu sein.

Stattdessen wurde es zu einer Tortur aus Ministerrücktritten, kleinlichen Skandalen, politischen Kehrtwenden und törichten Personalentscheidungen. „Er ist ein anständiger, kluger Mann“, sagt ein Freund über Starmer. „Aber er ist kein Politiker.“ Die lähmende Angst vor den Folgen eines „Königsmords“ liefert die Erklärung, warum sich Starmer dennoch bis jetzt an der Macht halten konnte.

Ein hochrangiges Kabinettsmitglied erklärte seine Entscheidung, den Premierminister zu unterstützen, folgendermaßen: „Wenn wir nach anderthalb Jahren im Amt durch einen Königsmord zu Fall kommen, wird die Öffentlichkeit ein vernichtendes Urteil über uns fällen – und sie hätte Recht damit.“

Die Vermeidung eines „Königsmords“ ist jedoch nicht dasselbe wie ein Sanierungsplan. Der Premierminister, der im Ausland als zuverlässig gilt, steht innenpolitisch unter Dauerbeschuss. Er ist nun fest in der Hand seiner Abgeordneten, die mehrere Kurswechsel bei Haushalts- und Sozialreformen im Unterhaus erzwungen haben. Eine Mehrheit vertritt Positionen links der zentristischen Linie, die Starmer zu definieren versucht.

Der alte Spott über den glücklosen Anthony Eden als Premierminister der Nachkriegsjahre, der „im Amt, aber nicht an der Macht“ war, verfolgt nun auch den Labour-Chef. Von Kollegen gerettet zu werden, ist eine riskante Position für einen Parteichef – und Kryptonit für seine Fähigkeit, eine Richtung vorzugeben.

Starmers Zukunft sieht düster aus

Viele von denen, die ihm am Montag aus der Patsche geholfen haben, fordern bereits ihren Preis. Seine ehemalige Stellvertreterin und mögliche künftige Konkurrentin um seinen Posten, Angela Rayner, erklärte zwar ihre Loyalität.

Zugleich legte sie jedoch eine Liste mit Prioritäten vor, die Starmer schneller umsetzen solle – darunter umfassendere Arbeitnehmerrechte. Starmer hatte versucht, diese zu verwässern, um einer Gegenreaktion der Arbeitgeber zu begegnen, die negative Effekte auf Neueinstellungen befürchten.

Minister Miliband schrieb in einem Artikel, Starmer müsse seine Regierung neu positionieren, um die „Machtlosen“ zu vertreten. Nachdem der Plan, den Premier zu stürzen, gescheitert ist, kann man nun davon ausgehen, dass er bis zu den Wahlen im Mai im Amt bleiben kann. Doch Starmers langfristige Zukunft als Parteichef sieht düster aus.

Seine Lieblingsprojekte, etwa eine Annäherung an die Europäische Union, versprechen Erfolge erst in ferner Zukunft – oder werden durch Spannungen zwischen Frankreich und Deutschland blockiert, etwa wenn es um den Abbau von Handelshemmnissen oder den Zugang zur EU-Rüstungsbeschaffung geht.

Anne McElvoy ist leitende Redakteurin für Politik bei „Politico“ in London und Mitglied des Global Reporters Networks von Axel Springer.

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