Den Ort seiner Rede, den Jubilee-Saal des berühmten Raffles Hotel in Singapur, hat Johann Wadephul passend gewählt. Wo der beeindruckende weiße Bau im Kolonialstil steht, waren vor 170 Jahren deutsche Händler aktiv und gründeten den Teutonia Club. Aber heute geht es dem deutschen Außenminister nicht um Geschichte, sondern um eine Diagnose der Gegenwart – und mögliche Wege in eine gemeinsame Zukunft. „Das Recht des Stärkeren droht zunehmend die Stärke des Rechts zu ersetzen“, warnt er.
Wadephul macht zum Auftakt seiner Reise nach Südostasien und in die Pazifikregion Station in Singapur. Bereits zum vierten Mal seit Beginn seiner Amtszeit vor acht Monaten reist der deutsche Außenminister in den Indopazifik. Angesichts der US-Machtpolitik ist Deutschland auf der Suche nach neuen Partnern.
Seine Botschaft in Singapur: Was in dieser Region geschieht, betrifft Europa unmittelbar. Rund ein Drittel des Welthandels passiert die Taiwanstraße, große Teile auch die Straße von Malakka – maritime Nadelöhre, von denen Lieferketten bis nach Deutschland reichen. Deutschland sucht den Schulterschluss mit Partnern wie Singapur, Australien und Neuseeland – Mittelmächten, die versuchen, Einfluss nicht über militärische Dominanz, sondern über Regeln, Handel und Institutionen zu sichern.
„Die Weltordnung, wie wir sie acht Jahrzehnte lang verstanden haben, ist vorbei – eindeutig vorbei“, sagt Singapurs Außenminister Vivian Balakrishnan, als er am Montagmorgen gemeinsam mit Wadephul vor die Presse tritt. Dennoch gebe es weiterhin eine „kritische Masse von Ländern“, die an eine regelbasierte Ordnung, an Multilateralismus, an die UN-Charta und an freien Handel glaube.
Der entscheidende Unterschied zu früher sei jedoch, dass diese Ordnung nun ohne eine Garantiemacht auskommen müsse. Deutschland und die EU sollten ihre Zusammenarbeit mit Singapur und der ganzen Asean-Region ausweiten, fordert Balakrishnan. In diesem Zusammenhang nannte er ein mögliches künftiges Freihandelsabkommen zwischen der EU und der Asean-Gruppe, das auch Wadephul gern sehen würde. Mitglieder des südostasiatischen Staatenbundes mit seinen insgesamt 685 Millionen Einwohnern sind neben Singapur (6,1 Millionen Einwohner) unter anderem Indonesien, Thailand und Vietnam.
Vom 57. Stock des Marina Bay Sands Hotels blickt Wadephul später auf die Straße von Malakka und unzählige Containerschiffe. Singapur zählt zu den weltweit größten und wichtigsten Häfen und gilt als führender globaler Container- und Umschlaghub. Das wirtschaftsstarke Land unterhält Freihandelsabkommen mit zahlreichen Ländern, darunter mit China und den USA. Der Stadtstaat agiert als neutraler Partner und pflegt gute Beziehungen sowohl mit Peking als auch mit Washington.
Seit 2019 verbindet auch die EU und Singapur ein Freihandelsabkommen – das erste der EU mit einem Asean-Staat –, das am Wochenende durch ein Abkommen zur digitalen Wirtschaft ergänzt wurde. Seit 2019 hat sich der Handel zwischen beiden um 30 Prozent erhöht. Zwischen Neuseeland und der EU besteht seit 2024 ebenfalls ein Freihandelsabkommen.
Mit Australien sind die Verhandlungen wieder aufgenommen worden, auch darüber will Wadephul diese Woche in Canberra sprechen. Der Abschluss des EU-Indien-Abkommens in der vergangenen Woche nach fast 20 Jahren Verhandlung scheint allen Prozessen Aufschwung gegeben zu haben.
Zudem rufen Deutschland und Singapur für 2026 und 2027 ein gemeinsames Innovationsjahr aus. Im Rahmen des Singapore-Germany Year of Innovation soll die Zusammenarbeit unter anderem in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Zukunfts- und Klimatechnologien, Verteidigungsforschung, Start-ups sowie Qualifizierung von Arbeitskräften vertieft werden. Grundlage dafür ist die strategische Partnerschaft, die beide Staaten 2024 vereinbart haben.
Am Nachmittag besucht Wadephul ein Zentrum für Spitzenforschung des deutschen Technologieunternehmens Schaeffler auf dem Campus der Nanyang Technological University. In Singapur, das als führender Finanz-, Technologie- und Logistikknotenpunkt in der Region gilt, sind rund 10.000 europäische Unternehmen tätig, darunter mehr als 2000 aus Deutschland.
Ingenieure demonstrieren humanoide Roboter und autonome Systeme für Industrie und Logistik. Wadephul: „Es ist gefährlich, wenn wir uns entweder von amerikanischen oder von chinesischen Lösungen abhängig machen.“ Man müsse innovativ sein und nicht nur die Risiken, sondern auch die Chancen von Künstlicher Intelligenz sehen. „In Deutschland gibt es zu viel Angst“, sagt er.
In der China-Frage vermeidet der Minister jede Beschönigung. „China ist weiterhin eine Bedrohung für unsere internationale Ordnung“, sagt Wadephul. „Wir sehen China als Rivalen – und es als Partner zu betrachten, wäre naiv.“ Die Probleme seien weiterhin da, und Deutschland werde China „nicht mit offenen Armen entgegentreten“, nur weil die USA sich abwenden.
Es bleibe klar: „Wir werden den Vereinigten Staaten immer näherstehen als China.“ Dennoch müsse Europa eigene Interessen definieren und verteidigen, wie es zuletzt erfolgreich in der Grönland-Eskalation geschehen sei, und Entscheidungen schneller treffen – auch durch Mehrheitsentscheidungen.
Die Reise führt Wadephul bewusst auch in kleinere Staaten. Deutschland nimmt während der Reise diplomatische Beziehungen mit dem zu Neuseeland gehörenden, aber selbst verwalteten Inselstaat Niue (1800 Einwohner) auf und strebt eine strategische Partnerschaft mit dem Pacific Islands Forum an. Für die pazifischen Inselstaaten sei der Klimawandel „eine existenzielle Bedrohung und damit im Kern eine Sicherheitsfrage“, sagt Wadephul.
Weiter nach Neuseeland, Australien, Tonga und Brunei
Wadephul reiste am Nachmittag (Ortszeit) nach Neuseeland weiter. Zudem will der Bundesaußenminister bis Freitag das polynesische Königreich Tonga im Südpazifik, Australien und das östlich von Malaysia gelegene muslimische Sultanat Brunei besuchen. Im Asean-Staatenverbund hat Brunei derzeit die Federführung für die Beziehungen mit der EU.
Mit allen fünf Ländern auf seiner Tour teile Deutschland das Interesse an einer stabilen internationalen Ordnung und den Einsatz für Multilateralismus, hatte Wadephul schon zu Beginn der Reise betont. „Wir treten gemeinsam ein für klare Regeln im internationalen Miteinander, wenn dieses unter Druck gerät – in Europa wie im Indopazifik.“
Am Ende seiner Rede im Raffles Hotel kehrt der Außenminister noch einmal zu den Grundwerten zurück. Seine Worte mögen altmodisch klingen, aber fassen doch das Programm seiner Reise zusammen: „Wir stehen für Menschenrechte, Meinungsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit. Wir verteidigen, was diese Welt zu einem menschlichen Ort macht.“ Wenn man zusammenstehe, werde man bestehen.
Christina zur Nedden ist China- und Asienkorrespondentin. Seit 2020 berichtet sie im Auftrag von WELT aus Ost- und Südostasien.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt bei seinem ursprünglichen Autor. Der Zweck dieses Artikels besteht in der erneuten Veröffentlichung zu ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Anlageberatung dar. Sollten dennoch Verstöße vorliegen, nehmen Sie bitte umgehend Kontakt mit uns auf. Korrektur Oder wir werden Maßnahmen zur Löschung ergreifen. Danke