Die Litanei von der immer dümmer werdenden Jugend gibt es seit Menschengedenken. Und jede erwachsene Generation, die das beklagt, ist überzeugt davon – obwohl sie selbst einmal Gegenstand dieser Unkenrufe war –, diesmal aber wirklich im Recht zu sein.
Tatsächlich mangelt es kaum an Belegen für den Niedergang. Hat man sich hierzulande längst an die verheerenden Bildungsstudien gewöhnt und quittiert sie allenfalls mit resigniertem Kopfschütteln, erstaunt gleichwohl der Erfindungsreichtum, mit dem man die Menschheit noch ein bisschen dümmer machen kann. Die einen wollen die schriftliche Division in den Grundschulen abschaffen (zu schwer!), die anderen fordern, Goethe und Schiller (antiquierte Bildungstyrannei!) in vereinfachter Sprache zu lesen.
Angesichts dieser geistigen Herausforderungen, die den löblichen Selbstanspruch, nicht zum verbitterten Kulturpessimisten zu werden, tiefgreifend unterminiert, ist es nachgerade eine Wohltat, wenn Diagnosen unserer Zeit den Nagel auf den Kopf treffen.
Wir dürften uns „die Mühe des Denkens“ und „den Spaß“ daran nicht nehmen lassen, schreibt der Literatur- und Medienwissenschaftler Roberto Simanowski im Januarheft der „Blätter für deutsche und internationale Politik“. Andernfalls sammelten wir „kognitive Schulden“ an – nämlich bei der Künstlichen Intelligenz (KI), die uns das Denken abzunehmen drohe. Dabei geht es dem Autor nicht um eine Verweigerung der Technologie, sondern um ihre selbstbestimmte Nutzung, die auf eine „moralische Ausrichtung der Sprachmaschinen in einer demokratietauglichen Art und Weise“ achtet.
Ihre Selbstbestimmung sehen Studenten in Deutschland dagegen gerade durch die KI gefährdet. So berichtet die Zeitschrift „Forschung & Lehre“ von einer Erhebung aus dem Schreibzentrum der Goethe-Universität Frankfurt, in der bundesweit Studenten zu ihrem Gebrauch der KI befragt wurden. Demnach nutzen 89 Prozent der Studenten die KI zum akademischen Schreiben. Gleichzeitig halten 58 Prozent die KI für unzuverlässig, 50 Prozent haben das Gefühl, „weniger selbst geleistet zu haben“, und 46 Prozent „zeigen Bedenken, kritisches Denken zu verlieren“.
„WhatsApp ist das Versprechen von etwas Anderem“
Diese artikulierte Sorge korreliert mit einer Erfahrung, die seit der Ausbreitung der Smartphones wohl jeder schon gemacht hat: Man fühlt sich vom Handy getrieben, kann sich aber doch nicht dazu durchringen, es wegzulegen. In einer Reportage für „The New Yorker“ (19. Januar) erzählt der Journalist Sam Knight die schwindelerregende Expansion des Unternehmens WhatsApp nach, das 2009 gegründet wurde.
Mittlerweile würden täglich hundert Milliarden Nachrichten per WhatsApp versendet, berichtet Knight – „etwa so viele, wie es Sterne in der Milchstraße gibt“. Er erzählt von einer Freundin, die im Alltagstrubel endlich Zeit für sich hat und eigentlich ein Buch lesen oder spazieren gehen möchte. Doch die Versuchungen des Smartphones sind ungleich stärker: „WhatsApp ist das Versprechen von etwas Anderem.“
Was durch die Sucht nach digitalem Konsum dagegen auf der Strecke bleibt, ist unsere Aufmerksamkeit. Darin scheint die weitaus größere Herausforderung zu liegen als in der identitätspolitischen Verschiebung nach links, die der Journalist Patrick West kürzlich im britischen Magazin „The Spectator“ als Ursache für den desolaten Zustand des Bildungssystems identifiziert hat. Die Mode, Gesinnungen rechts der Mitte mit Rechtsextremismus gleichzusetzen, beobachtet der Autor bereits im Schulunterricht. Folgerichtig sieht er die größte Gefahr auch nicht bei digitalen Influencern, sondern beim Staat selbst.
Das vereinfacht zwar die Schuldzuweisungen, ist in der Analyse aber zu kurz gesprungen. Denn die Menschen sind für ihre Verdummung schon selbst verantwortlich.
Politikredakteurin Hannah Bethke ist bei WELT zuständig für die SPD und innenpolitische Debatten.
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