Der Tag hätte nicht besser laufen können für Donald Trump. Erst übergab die venezolanische Friedensnobelpreisträgerin und konservative Oppositionsführerin María Corina Machado dem US-Präsidenten bei ihrem Besuch im Weißen Haus ihre Nobel-Medaille als Anerkennung „für seine außergewöhnliche Führungsstärke bei der Förderung des Friedens durch Stärke, die Förderung der Diplomatie und die Verteidigung von Freiheit und Wohlstand“.

Anschließend sandte auch Machados Gegenspielerin, Interimspräsidentin Delcy Rodríguez, Ergebenheits-Signale aus Caracas nach Washington und kündigte an, Venezuela wolle die Ölfördergesetze reformieren.

Der US-Präsident ist seinem Wunschszenario in Venezuela damit deutlich nähergekommen: Zwei Wochen nach der spektakulären Verhaftung von Machthaber Nicolás Maduro buhlen nun zwei konkurrierende Kräfte um seine Gunst. Das erhöht die Chancen, dass die USA ihre Interessen vor Ort durchsetzen können.

Die Menschen in Venezuela fordern einen grundsätzlichen Politikwechsel, wovon in Washington derzeit aber nichts zu hören ist. Mit Rodríguez und ihrer Clique sitzt der linksextreme Machtapparat, der für Folter, Mord und Verhaftungen oppositioneller Kräfte verantwortlich war, nach wie vor an den Schalthebeln der Macht.

Die Venezolaner halten sich deshalb bislang zurück, über die Lage im Land wollen sie nur anonym sprechen. Das zeigt sich auch in Maracay, der Hauptstadt des Bundesstaates Aragua, gut zwei Autostunden von Caracas entfernt. Optisch hat sich gar nichts verändert. Die Symbole sozialistischer Macht dominieren nach wie vor das Straßenbild, die Menschen gehen lieber an den Strand, als über Politik zu sprechen.

Einer der wenigen, die sprechen wollen, ist der pensionierte Soldat Fernando (Name ist der Redaktion bekannt, er wurde aus Sicherheitsgründen geändert). „Ein Teil eines Tumors wurde entnommen, aber um gesund zu werden, muss das Krebsgeschwür komplett entfernt werden“, sagte Fernando im Gespräch mit WELT. „Nur dann wird sich die Lage des Landes verbessern. Nur dann werden wir zu einer Demokratie zurückkehren, in der wir alle mitwirken und unsere Meinung sagen können, ohne Repressalien befürchten zu müssen.“

Machado erntet mit ihrer Geste, ihre Nobel-Medaille Trump zu übergeben, zwar international Unverständnis, trifft aber im eigenen Land die Stimmungslage. Einer Umfrage des britischen Magazins „The Economist“ zufolge hat eine deutliche Mehrheit der Venezolaner eine positive oder eine sehr positive Meinung von Donald Trump, US-Außenminister Marco Rubio und Machado. Hinter vorgehaltener Hand feiert eine Mehrheit der Venezolaner die US-Militäraktion gegen Maduro.

Gleichzeitig wächst die Furcht, dass sich das Zeitfenster für eine wirkliche Veränderung schließen könnte. Rechtsanwältin Ramona (Name geändert) aus Maracay glaubt, dass sich die Situation für die Venezolaner nicht wirklich verändert hat. „Wir haben weiterhin Angst, offen zu sprechen“, sagte die 55-Jährige im Gespräch mit WELT.

Inzwischen bezweifle sie ein wenig, dass es so viel zu feiern gibt: Die USA hätten Maduro zwar entmachtet, „aber eine Diebin als Interimschefin zurückgelassen, mit der sich Trump sehr gut versteht“. Und die Banken seien zwar zurückgekehrt, die amerikanische Botschaft sei wieder besetzt, „doch es bleibt abzuwarten, ob sich das in spürbaren Vorteilen für das Volk niederschlägt“, so Ramona skeptisch.

Die Zögerlichkeit des Regimes gibt ihr recht. Seine Ankündigung, die rund 800 politischen Gefangenen freizulassen, die es nach offizieller Lesart bis zu Maduros Verhaftung gar nicht gab, setzt es nur schleppend um.

Nach dem Treffen mit Trump am Donnerstag ging es für Machado weiter zum Kongress. Anders als im Weißen Haus traf sie dort auf offenere Ohren, bei Abgeordneten und Senatoren aus beiden politischen Lagern. Sie warb um Unterstützung für eine demokratische Transition, freie und transparente Wahlen, und versprach, „die Institutionen und die Rechtsstaatlichkeit zu sichern und die Märkte zu öffnen“.

Vor allem brachte sie eine freiwillige Rückkehr der venezolanischen Migranten ins Spiel: „Sobald Venezuela frei ist, werden wir Millionen, Millionen Menschen sehen, die aus eigener Kraft zurückkehren. Es wird eine schwierige Situation sein, weil die Wirtschaft zerstört ist, in Trümmern liegt, aber es gibt Hoffnung für die Zukunft. Und wir werden es dank Ihnen schaffen.“

Rodríguez nutzt die Lage aus

Dazu müsste sie allerdings erst einmal selbst an die Schalthebel der Macht gelangen. Von denen ist Machado jedoch sowohl geografisch als auch politisch weit entfernt. Interimspräsidentin Rodríguez fehlt die demokratische Legitimation, aber sie kann derzeit die Entscheidungen für Venezuela treffen.

Und das nutzt sie aus. Erst luden die Sozialisten die europäischen Botschafter ein, um für Investitionen zu werben, dann kündigte Rodriguez an, die Ölförder-Gesetzgebung zu ändern. Genau das hat in Washington derzeit Priorität. Erst einmal wollen sich die USA mithilfe der Interimsregierung das venezolanische Öl sichern, so scheint der Plan zu sein, danach könne man immer noch über einen demokratischen Wandel sprechen.

Genau das sorgt zusehends für Unbehagen in Caracas. Dass Rodríguez mit fliegenden Fahnen zu den bisher feindlichen USA überwechselt, kommt bei den Fundamentalisten im sozialistischen Lager nicht gut an. Bei den gefürchteten paramilitärischen Colectivos, den Milizen und in jenen Teilen der Armee, die Innen- und Justizminister Diosdado Cabello nahestehen, rumort es.

Auf seine Ergreifung wegen Drogenhandels ist immer noch eine Belohnung von 50 Millionen US-Dollar ausgesetzt. Cabello präsentiert sich bei TV-Auftritten inzwischen zwar ohne Schlagstock, deutet aber auch Unmut über Rodriguez’ Annäherungskurs an. Er muss zudem seinen engen Verbündeten in Kuba erklären, warum Venezuela kein Öl mehr liefert, sondern die Särge von Maduros getöteten kubanischen Leibwächtern nach Havanna schickt.

In Havanna empfinden die Kommunisten die Unterwerfungsgesten von Rodríguez in Richtung USA als Verrat. Und es gibt erste Gerüchte, dass die bewaffneten Linksfundamentalisten in Venezuela einen offenen Aufstand gegen die Interimspräsidentin wagen könnten. Um das zu verhindern, müsste sie erst einmal den mächtigen Cabello kaltstellen. Ob ihr das unblutig gelingen kann, ist ungewiss.

Mitarbeit: Nathaly M. in Maracay. Der Nachname ist der Redaktion bekannt, wird aus Sicherheitsgründen aber nicht genannt.

Tobias Käufer ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.

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