Kurz vor dem Interview richtet der ukrainische Soldat Jura eine direkte Frage an den deutschen Reporter: „Soll das eine PR-Nummer werden – oder wollt ihr die Wahrheit?“ Russlands Krieg lässt keine Zeit für Höflichkeitsfloskeln – schon gar nicht hier, in einem ostukrainischen Wald im Winter 2025, wo der Sichtschutz der Bäume Leben retten kann.

Nur 30 Kilometer entfernt stehen russische Truppen, eine Distanz, die in Reichweite russischer Kamikaze-Drohnen wie der Lancet liegt. Das ist auch die Reichweite von Juras Arbeitsgerät: Kampfdrohnen des deutschen Herstellers Helsing, die er und sein Kollege Sascha seit Frühjahr 2025 an der Front eingesetzt haben. Ein Exemplar haben sie mitgebracht. Beide Soldaten tragen einen Decknamen, um sie vor möglichen beruflichen Konsequenzen zu schützen.

„Die Wahrheit ist“, sagt Jura: „Wir haben die Drecksarbeit für Helsing gemacht.“ Die ersten Monate ihrer Zusammenarbeit seien ein „Fiasko“ gewesen, die Drohnen kaum einsatzfähig. Er wolle durch seine Aussagen keinen Skandal auslösen, sondern dazu beitragen, dass die Firma besser werde. Die festgestellten Mängel der deutschen Drohne sind in mehrseitigen Auswertungen ukrainischer Einheiten von 2025 dokumentiert.

Diese Unterlagen liegen WELT AM SONNTAG exklusiv vor. In Verbindung mit Gesprächen mit Industrievertretern, ukrainischen Offiziellen und Bundeswehr-Angehörigen entsteht das Bild eines Unternehmens, dessen Verantwortliche sich als neuer Drohnen-Gigant inszenieren, diesem Anspruch in der Praxis jedoch oft nicht gerecht werden.

„Wenig geleistet, aber hervorragendes Marketing“, sagt etwa ein Luftwaffen-Offizier hinter vorgehaltener Hand. In der Tat verkauft sich das Unternehmen erfolgreich: Helsing ist innerhalb weniger Jahre zu einem der wertvollsten Start-ups Europas aufgestiegen. Die 2021 gegründete Rüstungs- und Softwarefirma wurde im vergangenen Sommer mit rund zwölf Milliarden Euro bewertet.

Hunderte Angestellte arbeiten an unbemannten, durch Künstliche Intelligenz gestützten Waffensystemen. Was Helsing verspricht, könnte im Erfolgsfall militärische Fähigkeitslücken in Europas Armeen schließen.

Dazu gehören auch sogenannte Kamikaze-Drohnen, die in der Ukraine massenhaft Fahrzeuge und Soldaten weit hinter der Kontaktlinie jagen. Sie stürzen sich in ihr Ziel und explodieren beim Aufprall. Parallel zu dieser historisch beispiellosen Massenindustrialisierung von Drohnen läuft ein technologischer Wettlauf. Neue Entwicklungen verschaffen den Streitkräften immer wieder nur kurzfristige Vorteile, etwa zum Umgehen elektronischer Störmaßnahmen, bevor die Gegenseite aufholt. Auch das macht den Rüstungswettbewerb in Europa so umkämpft. Das Bundesverteidigungsministerium will bis zu 12.000 Kamikaze-Drohnen mittlerer Reichweite für maximal etwa eine Milliarde Euro beschaffen.

Neben Helsing kommen zwei weitere deutsche Hersteller für den Auftrag infrage: Stark Defence sowie der Rüstungsriese Rheinmetall, der jedoch Rückstand in der Entwicklung hat. Das Beschaffungsamt der Bundeswehr warnte im vergangenen Oktober in einem Schreiben, dass auch bei Stark und Helsing die Lieferung „wesentlicher vertraglicher Liefergegenstände beziehungsweise Komponenten“ in Verzug sei. Zuerst berichtete darüber der „Spiegel“. Auf Anfrage teilte Helsing mit, dass sich der Verzug auf den Gefechtskopf der HX-2-Drohne beziehe: „Die Komponententestung des Zündmittels wurde am 16. Dezember in Spanien erfüllt.“

Hohe Standards für Drohnen in der Nato

Es ist ein Unterschied, ob Drohnen in der Ukraine eingesetzt werden oder im Nato-Rahmen. Das Verteidigungsbündnis setzt hohe Sicherheitsstandards: Eine Drohne muss jederzeit wissen, wo sie sich befindet, und der Gefechtskopf darf erst Sekunden vor Zielerreichung scharf sein – all das am besten automatisiert. „Das ist für alle Hersteller noch eine technische Herausforderung“, sagt ein Industrievertreter. Der Milliardenauftrag ist bislang nicht vom Parlament genehmigt.

Wenn Vertreter von Helsing öffentlich auftreten, erwecken sie mitunter den Eindruck, das Unternehmen sei der Retter Europas. Benjamin Tallis, „Head of Thought Leadership“, bezeichnete Entwicklungen von Helsing in einer Rede im vergangenen Herbst als einen „Moonshot-Moment für die europäische Verteidigung“. Sein Unternehmen, so Tallis, leiste einen Beitrag dazu, „den Krieg zu gewinnen, der die Sicherheitszukunft“ des Kontinents prägen werde. Zugleich verwies er auf Helsings „kampferprobte Software“, die sich in der Ukraine beweise.

Das Urteil von Soldaten, die Helsings Fluggeräte (knapp 17.000 Euro pro Stück) über mehr als neun Monate an der Front eingesetzt haben, fällt deutlich ernüchternder aus. Das liegt auch daran, dass öffentlich früh Erwartungen geweckt wurden, die sich lange nicht erfüllten. Bereits im Dezember 2024 stellte Helsing seine „intelligente Kampfdrohne HX-2“ mit bis zu 100 Kilometer Reichweite vor, bewarb sie als widerstandsfähig und „schwarmfähig“.

Im Februar 2025 teilte Helsing mit, man stelle Tausende dieser Modelle für die Ukraine her – eine Lieferung schien nah. „Aber das war damals eine große PR-Kampagne“, erinnert sich der Soldat Jura. „Alle sprachen über die HX-2 – und nicht über das qualitativ deutlich schwächere Modell HF-1, das uns tatsächlich geliefert wurde.“

Die ersten Einsätze, so Jura, offenbarten ein Grundproblem: Viele der Drohnen seien nicht startfähig gewesen oder stürzten direkt nach dem Start ab. Helsings Altra-Software sei solide, aber die Plattform aus ukrainischen und chinesischen Bauteilen ein Desaster gewesen, sagt Jura. „Sie haben ein Haus auf einem Sumpf gebaut.“ Selbst das Startkatapult habe anfangs aus einer sperrigen und untauglichen Konstruktion bestanden.

Helsing teilte auf Anfrage mit, dass laut ihren Daten damals nur „circa 2,5 Prozent“ der Drohnen Startprobleme gehabt hätten. Ein ukrainisches Dokument listet jedoch Dutzende weitere Mängel bei Flügen detailliert auf. Ein Auszug: „defektes Ruder“, „abnormales Bordverhalten“, „nicht flugtauglich“. Kritisiert wird auch die lange Zeit zum Montieren des Systems.

Nach den missglückten Einsätzen begleiteten Mitarbeiter von Helsing die ukrainische Einheit an die Front. Die Stimmung sei angespannt gewesen. Trotz nächtelanger Vorbereitung seien mehrere Drohnen erneut direkt nach dem Katapultstart abgestürzt, andere hätten bereits nach kurzer Distanz die Verbindung verloren. Die Entwickler hätten diese Erfahrung später, sagt Jura, sinngemäß als „kalte Dusche“ bezeichnet. Was der Soldat lobt: Helsing habe den Kontakt gehalten, nachgebessert und defekte Drohnen ersetzt.

Im vergangenen Sommer, nachdem auch die Soldaten selbst Anpassungen am System vorgenommen hatten, stellten sich Verbesserungen ein. In rund 40 Prozent der Einsätze von Juras Einheit kam es zu Treffern oder Nahtreffern. Knapp jedes fünfte Gerät stürzte beim Start ab oder ging durch elektronische Störmaßnahmen beziehungsweise technische Defekte im Flug verloren. Etwa 15 Prozent der Drohnen wurden abgeschossen oder scheiterten an Fehlfunktionen der Zielnachführung.

Auf Anfrage bezeichnet Helsing die erwähnte Absturzquote beim Start als „falsch“. Weitere Angaben könne man „nur teilweise nachvollziehen“. Am Ende einer schriftlichen Analyse Dutzender Einsätze mit der Helsing-Drohne rät ein ukrainischer Offizier von einer „breiten Skalierung dieser Lösung für die Mehrheit der Einheiten“ ab.

Helsing teilte mit, dass die HF-1 gemeinsam mit ukrainischen Herstellern innerhalb weniger Wochen produziert und eingesetzt wurde – „immer in dem Wissen, dass bei diesem damals insgesamt neuen Produkttyp Iteration im Einsatz stattfinden würde“. Mittlerweile sei die Drohne an der Front jedoch „nachweislich erfolgreich“. Im vergangenen Dezember habe das Unternehmen 750 HX-2-Drohnen in die Ukraine geliefert – mehr sollen bald folgen. Diese seien für den Kampfeinsatz zugelassen. Bei Tests in Deutschland habe das Modell „Trefferquoten von oder nahe an 100 Prozent“ erreicht. Bleibt abzuwarten, ob sich solche Wunderquoten auch an der Front halten lassen.

Lars Petersen ist Leiter National im Investigativ-Team von WELT, Business Insider Deutschland und Politico Deutschland und kümmert sich seit Jahren um Machtkämpfe und Affären hinter den Kulissen von Wirtschaft und Politik. Sie haben Hinweise für ihn? Dann melden Sie sich gerne beim Autor, auch vertraulich – per E-Mail oder über den verschlüsselten Messenger Threema (WTJPZ7PN)

Ibrahim Naber ist seit 2022 WELT-Chefreporter. Er berichtet regelmäßig von der Front in der Ukraine sowie aus anderen Kriegs- und Krisengebieten.

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