„Wir werden kämpfen, wir werden sterben, aber wir werden den Iran zurückerobern!“ Begleitet von einem Hupkonzert protestieren junge Demonstranten in der konservativen Stadt Maschhad gegen das iranische Regime. Es ist Samstagnacht, nur wenige Stunden zuvor hat Religionsführer Ali Chamenei eine Rede an das Volk gehalten.
Nachdem er seit Beginn der Proteste Ende Dezember zunächst geschwiegen hatte, brach der Ajatollah damit erstmals sein Schweigen – vermutlich erschüttert von der Gefangennahme seines Verbündeten Nicolás Maduro durch US-Spezialkräfte.
Chamenei, der sich bewusst sein dürfte, im Visier von US-Präsident Donald Trump zu stehen, drohte in der Fernsehsprache den „Randalierern“ in seinem Land und versuchte zugleich, die Händler des Teheraner Basars – dem Ausgangspunkt der Proteste – zu beschwichtigen, indem er ihre Forderungen als „gerechtfertigt“ bezeichnete. Sie hatten zuerst gegen die steigenden Preise und den fallenden Kurs der iranischen Währung protestiert und damit landesweite Proteste ausgelöst, die das Mullah-Regime gewaltsam niederzuschlagen versucht.
Die Demonstranten lassen sich von der Repression bisher nicht aufhalten – einige zeigen sich von den jüngsten Ereignissen in Venezuela inspiriert. „Es wird Zeit, dass Chamenei aufwacht. Er hat nicht begriffen, dass unser Ruf ‚Dieses Jahr wird das Jahr des Blutes sein‘ bedeutet, dass er für uns bereits erledigt ist“, warnt ein Demonstrant aus Narmak, einem Viertel im Nordosten Teherans, in dem es in den vergangenen Tagen zu Protesten kam. Obwohl er ausländische Interventionen ablehnt, bestärkt ihn die Entmachtung des venezolanischen Autokraten Maduro – ähnlich wie die von Baschar al-Assad in Syrien im Dezember 2024 – darin, weiter zu demonstrieren. Und in seiner Hoffnung auf einen „echten Wandel“.
Die Kosten des Aufstands sind indes hoch. Laut einem Bericht von Human Rights Watch wurden seit Ausbruch der Proteste mindestens 19 Menschen getötet, Hunderte weitere wurden verletzt, zahlreiche verhaftet. Da der Internetzugang stark eingeschränkt ist, befürchten Menschenrechtsexperten einen ähnlichen Blackout wie 2019, als 1500 Demonstranten bei der gewaltsamen Niederschlagung von Protesten gegen die hohen Lebenshaltungskosten starben.
Gewalt gegen Demonstranten
Bilder in den sozialen Medien schüren Ängste, etwa die Festsetzung einer Demonstrantin in Yasuj im Südwesten Irans. Ein Video eines Anwohners soll zeigen, wie Sicherheitskräfte sie über den Boden schleiften und anschließend in ein weißes Fahrzeug zerrten.
Die iranische Lehrergewerkschaft berichtet zudem von der gewaltsamen Verhaftung mehrerer Schüler, über deren Verbleib ihre Familien bisher nichts gehört haben. Nach der relativen Zurückhaltung in den ersten Tagen schießen Sicherheitskräfte des Regimes inzwischen mit scharfer Munition auf die Demonstranten.
In der Stadt Malekshahi in der Provinz Ilam seien am Samstag mindestens vier Demonstranten erschossen worden, wie die unabhängige Menschenrechtsorganisation Hengaw meldet. Lokale Quellen beschreiben ein Klima des Terrors: Angesichts der vielen Verletzten habe das Imam-Khomeini-Krankenhaus einen Blutspendeaufruf gestartet; daraufhin hätten Kräfte des Regimes in der Klinik Jagd auf ihre Opfer gemacht. US-Präsident Trump hat angesichts der Gewalt zuletzt mehrfach mit einem Eingreifen gedroht.
Die Führung in Teheran ficht das nicht an – im Gegenteil. Die Justiz kündigte am Montag ein hartes Durchgreifen an. „Die Randalierer sollen wissen, dass es, wenn in früheren Phasen Nachsicht gewährt wurde, von einem Entgegenkommen keine Rede mehr sein wird“, sagte Justizchef Gholam-Hussein Mohseni-Edschehi laut dem Justizportal Misan. Als Grund nannte er Solidaritätsbekundungen der US-amerikanischen und israelischen Regierungen, der „Hauptfeinde unseres Volkes“, wie Mohseni-Edschehi sagte.
Doch die Protestierenden geben nicht auf. „Habt keine Angst: Das Blut des Mutes heilt Wunden“, schreibt Hamed Azadbakht, ein bei Protesten verletzter Demonstrant, auf Instagram. In dem Beitrag wendet sich der junge Mann, dessen Gesicht geschwollen und von Schrotkugeln verletzt ist, mit ruhiger Stimme an seine „Brüder“ bei der Polizei: „Wir sind keine Feinde. Wir sind alle gleich, jung. Wir wollen nur ein Dach über dem Kopf. Wir hungern. (…) Ich bin protestieren gegangen. Ich bereue nichts.“
In diesen Tagen der Wut und der Hoffnung ist Mut ansteckend, wie ein Foto von Demonstranten zeigt, die sich den Milizen des Regimes unbewaffnet entgegenstellen. Auf einem anderen Bild ist eine ältere Frau zu sehen, die sich auf ihren Rollator stützt und ruft: „Tod Chamenei!“
An einem Ort reißen Gruppen von Demonstranten die iranische Flagge herunter. Andernorts setzen wütende Menschenmengen ein Porträt des Obersten Führers in Brand. Junge Menschen verbrennen einen Müllcontainer und skandieren: „Es lebe der Schah!“ Sie drücken damit ihre Unterstützung für Reza Pahlavi aus, den im Exil lebenden Sohn des letzten iranischen Monarchen, der 1979 durch die Revolution gestürzt wurde.
Kugeln fliegen, es werden Drohungen ausgesprochen. Aber von den großen Städten bis zu den kleinen Provinzgemeinden fordern die Iraner immer lauter das Ende des Regimes: Studenten, Arbeiter, Arbeitslose, Ladenbesitzer – sie alle haben Chameneis Aufruf ignoriert. Am Sonntag berichteten Medien von einem massiven Einsatz von Sicherheitskräften auf dem Großen Basar in Teheran. Trotz der Anweisung, ihre Geschäfte wieder zu öffnen, um einen Anschein von „Normalität“ zu wahren, weigerten sich viele Händler und ließen ihre Rollläden geschlossen.
Gewalt erzeugt aber auch weitere Gewalt. In den vergangenen Tagen sind die zunehmend aufgebrachten Demonstranten deutlich aggressiver geworden. Sie greifen Milizionäre an und bewerfen Sicherheitskräfte mit Steinen. In Schiraz hat ein Demonstrant die ihn auf einem Motorrad verfolgenden Einsatzkräfte attackiert und mit Benzin übergossen.
Forderung nach Unterstützung aus dem Ausland
Angespornt von den Aufrufen Trumps, der sich bereit erklärte, den Iranern zu Hilfe zu kommen, und des israelischen Premierministers Benjamin Netanjahu, der sich mit dem iranischen Kampf solidarisierte, erliegen die radikalsten Kräfte offenbar der Versuchung einer militärischen Intervention. „Sollen sie doch kommen und uns bombardieren. Schlimmer als das, was wir jetzt erleben, wird es nicht werden“, erklärt ein Iraner aus Teheran, der anonym bleiben möchte.
Die Diaspora im Ausland zeigt sich für die Solidarität erkenntlich. Die iranisch-amerikanische Journalistin und Aktivistin Masih Alinejad sagte gegenüber „Fox News“, dass Trumps Botschaft an den Iran den Menschen in eine „starke Botschaft“ der Hoffnung vermittelt habe.
Auch Pahlavi dankte Trump für dessen „starke Führung und Unterstützung meiner Landsleute“. „Ihre Warnung an die kriminellen Führer der Islamischen Republik gibt meinem Volk neue Kraft und Hoffnung – die Hoffnung, dass endlich ein Präsident der Vereinigten Staaten fest an seiner Seite steht. (...) Mit Ihrer Führung der freien Welt können wir ein Vermächtnis dauerhaften Friedens hinterlassen“, schrieb der Sohn des Schahs auf X.
In der Opposition im Iran herrscht indes Vorsicht. Obwohl sie geschwächt und gespalten ist, wird auf der Notwendigkeit eines Wandels von innen heraus bestanden und ein aufgezwungener, externer Plans abgelehnt.
In einer am Freitag veröffentlichten Erklärung eines Kollektivs, dem unter anderem die Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi, der Filmemacher Jafar Panahi und die junge Aktivistin Vida Rabbani angehören, hieß es: „Wir bekräftigen, dass der einzige Weg zur Rettung des Iran in einem Übergang außerhalb der Islamischen Republik liegt. (…) Irans Zukunft ruht auf einer demokratischen Ordnung, die auf der Souveränität des Volkes, dem nationalen Interesse und gesunden sowie normalen Beziehungen zum Rest der Welt beruht.“
Dieser Text erschien zuerst bei „Le Figaro“, wie WELT Mitglied der Leading European Newspaper Alliance (Lena). Übersetzt aus dem Französischen.
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