Christian Dürr, 48, ist seit Mai 2025 Bundesvorsitzender der FDP. Bis zu deren Ausscheiden aus dem Bundestag war er ihr Fraktionsvorsitzender. Beim Dreikönigstreffen der Liberalen am 6. Januar in der Stuttgarter Staatsoper beginnt für Dürr eine entscheidende Phase. Insbesondere die Landtagswahl in Baden-Württemberg im März gilt als Gradmesser, ob seine Partei eine Zukunft hat.

WELT: Christian Lindner ist jetzt Autohändler, Otto Fricke führt den Deutschen Olympischen Sportbund, Johannes Vogel arbeitet als Personalvorstand von Eurowings. Bedauern Sie, nach dem Scheitern der FDP bei der Bundestagswahl in der Politik geblieben zu sein, Herr Dürr?

Christian Dürr: Nein. Politik ist meine Leidenschaft. Natürlich habe ich nach der Bundestagswahl reflektiert, aber ich bin heute mehr denn je überzeugt: Das politische Angebot, das ich mit der FDP machen möchte, muss es in Deutschland geben.

WELT: Die Deutschen scheinen die FDP nicht zu vermissen, in Umfragen und bei der Kommunalwahl in NRW lagen Sie zuletzt deutlich unter fünf Prozent. Woran liegt das?

Dürr: Wir sind in der Erneuerung. Und ich will, dass wir jetzt zum Jahresauftakt zeigen, dass wir der Gegenentwurf zum aktuellen politischen Stillstand im Land sind. Die Menschen waren nicht nur von der FDP enttäuscht, sondern sind es auch von Union, SPD und Grünen – von der politischen Mitte insgesamt. Davon haben bislang nur die Extremisten profitiert. Was fehlt, ist eine echte, auch radikale Reformkraft in der Mitte.

Genau dieses Angebot muss die FDP machen: Wir sind nicht mehr Status quo. Ich habe keine Sorge, dass es dafür nicht genügend Menschen gibt – im Gegenteil, das könnte fast eine Massenbewegung sein. Mein Anspruch ist, dass die FDP in der Wahrnehmung der Menschen genau diese Reformkraft ist.

WELT: Ist das Scheitern der FDP nicht eher ein Beleg für die These des Ökonomen Philip Pilkington, dass wir längst in einer postliberalen Weltordnung leben?

Dürr: Das halte ich für Quatsch. Das hieße ja, wir leben in einer Weltordnung, in der Freiheit vorbei ist. Als Vorsitzender der Partei der Freiheit halte ich das für abwegig. Wenn ich ernsthaft glauben würde, dass Systeme erfolgreich sind, in denen autoritäre Herrscher den Weg vorgeben, müsste ich mit Politik aufhören. Ja, China hat technologische Erfolge. Ich glaube trotzdem nicht, dass das Gesellschaftssystem überlegen ist. Andere Autokraten können ihre Macht – siehe Russland – nur sichern, indem sie Kriege anfangen. Das Problem ist nicht die Freiheit, sondern dass der Westen, insbesondere Europa, derzeit keine starke Gegenantwort hat.

WELT: Mal konkret: Was ist Ihre Antwort auf die wirtschaftliche Schwäche Deutschlands?

Dürr: Junge Menschen können sich in Deutschland kaum Vermögen aufbauen. Das führt zu Systemzweifeln, obwohl die Leute ranklotzen. Ich sage bewusst: Die FDP ist nicht die Schutzmacht derjenigen, die schon alles erreicht haben. Sie ist die Schutzmacht derer, die sich durch eigene Leistung etwas aufbauen wollen. Ganz konkret: Junge Gründer bekommen vielleicht Kapital, scheitern aber spätestens am deutschen Arbeitsrecht. Ein Start-up braucht gerade in der Wachstumsphase Flexibilität, muss auch mal Personal abbauen können.

Wenn wir zum Beispiel für hoch qualifizierte Fachkräfte in Start-ups den vollen Kündigungsschutz wie in Großunternehmen anwenden, werden viele dieser Unternehmen gar nicht erst in Deutschland gegründet. Wir zerstören unsere Chancen durch einen übergriffigen Staat. Der volle Kündigungsschutz ist für hoch bezahlte Fachkräfte fehl am Platz. Es braucht den starken Staat an anderer Stelle.

WELT: Wo?

Dürr: Bei der Bildung. Deutschland ist ein schwacher Bildungsstaat. Ich will, dass wir die Mittel bereitstellen, damit in jeder ersten Klasse alle Kinder ausreichend Deutsch können. Das ist realistisch und machbar, aber nicht priorisiert. Und noch ein Beispiel für einen radikalen Gegenentwurf zum Status quo: Wir müssen in der Migrationspolitik komplett anders denken. Bei der Einwanderung muss Asyl die absolute Ausnahme sein und Arbeitsmigration die absolute Regel. Es muss leichter sein, nach Deutschland zu kommen, um zu arbeiten, als in den Sozialstaat einzuwandern.

Mein Vorschlag: Jeder, der einen Arbeitsvertrag hat und so viel verdient, dass er Steuern und Abgaben zahlt, soll unkompliziert kommen dürfen – im Gegenzug aber keine Sozialleistungen beziehen. Man kann nicht gleichzeitig einen riesigen Sozialstaat und völlig offene Grenzen haben.

WELT: Aus der Pluralität der Meinungen scheint in Deutschland eine Fragmentierung der Weltzugänge zu werden, wie Udo Di Fabio sagt, eine Verfeindlichung der politischen Lager. Lässt sich diese Entwicklung aufhalten?

Dürr: Politische Lager haben sich immer bekämpft, der Wettbewerb gehört zur Demokratie dazu. Das Problem ist, daraus entsteht nichts mehr. Es gibt unterschiedliche Positionen, es wird laut gebrüllt, aber es ändert sich nichts. Weil bei den Parteien der Mitte in Wahrheit die Unterscheidbarkeit verloren gegangen ist. Nehmen Sie die Rente: Die SPD ist für Leistungsausweitung, die CSU ist es auch. Und damit auch die CDU, trotz der Jungen Gruppe. Das sorgt für Frustration vieler Menschen in Deutschland, dass die Rhetorik sich unterscheidet, aber die Agenda nicht.

WELT: Was erwarten Sie von der Rentenkommission der Regierung?

Dürr: Weiter Status quo. Diese Bundesregierung steht für mehr Schulden und eine Staatsquote von über 50 Prozent. Und die Union macht bei zentralen Fragen mit – etwa wenn Friedrich Merz dafür wirbt, Sozialabgaben auch auf Kapitalerträge der Altersvorsorge zu erheben. Wer uns ökonomisch schwächt, wie es diese Bundesregierung tut, schwächt uns auch geopolitisch. Putin wird diese Schwäche brutal ausnutzen. Unsere ökonomische Schwäche führt zu geopolitischer Schwäche.

WELT: Was halten Sie von der Idee, eingefrorene russische Staatsvermögen für die Ukraine zu nutzen – trotz der Bedenken für die Rechtssicherheit in Europa?

Dürr: Putin hat Völkerrecht und Rechtssicherheit infrage gestellt, insofern halte ich diese Debatte für legitim. Dass sich der Kanzler damit in Brüssel nicht durchsetzen konnte, zeigt, dass er wieder nur angekündigt hat, ohne liefern zu können. Die Hoffnung des Bundeskanzlers ist offenbar: außenpolitisch klar auftreten, innenpolitisch wenig verändern. Das ist ein kapitaler Fehler. Die Menschen haben den Eindruck eines ähnlichen Stillstands wie in der Ampel – nur mit unendlich viel mehr Schulden. Diese Politik ist doppelt gefährlich: Sie führt aus meiner Sicht in den wirtschaftlichen Niedergang und macht uns politisch schwach gegenüber Putin.

WELT: Wird die Bundesregierung ihre Amtszeit durchhalten?

Dürr: Unabhängig davon, ob sie hält: Politisch ist sie bereits gescheitert. Spätestens mit der Abstimmung über das Rentenpaket ist deutlich geworden, dass man Politik macht, die man selbst für falsch hält, nur um an der Macht zu bleiben. Ob das Kabinett bis zum Ende der Legislaturperiode zusammenbleibt, steht in den Sternen. Aber die Menschen in Deutschland haben ihr Urteil über diese Regierung bereits gefällt – nach wenigen Monaten.

WELT: Welche Bedeutung haben die Landtagswahlen 2026 in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz für die FDP?

Dürr: Das sind ganz wichtige Meilensteine – wie nach 2013, als wir durch Landtagswahlerfolge aus der außerparlamentarischen Opposition zurückkamen. In Baden-Württemberg macht unser Spitzenkandidat Hans-Ulrich Rülke ein Angebot des radikalen Staatsumbaus: weniger Verwaltungsebenen, nur 13 Regionalkreise statt eines aufgeblähten Apparats, Verkleinerung des Landtags. Politik muss zeigen, dass sie auch bei sich selbst sparen kann. Diese Linie vertritt nur die FDP.

WELT: Ihr Stellvertreter Wolfgang Kubicki sagt, in der FDP gehe vor diesen Wahlen „die Muffe“ um. Wie geht es Ihnen?

Dürr: Ich bin konzentriert – und habe Freude an der politischen Auseinandersetzung. Ich fühle mich befreit, dass wir nicht mehr Teil des Status-quo-Lagers sind. Ich glaube, es gibt Millionen Menschen, die sich nach einer radikalen Reformkraft sehnen, die die liberale Demokratie schützt, aber merkt, dass dieser Staat nicht so bleiben kann, wie er ist. Ich will, dass die FDP diesen Mut aufbringt.

WELT: Ist die FDP-Führung aktuell ein Team?

Dürr: Ja. Ich habe gerade im Bundesvorstand unsere neue Strategie vorgestellt – mit breiter Zustimmung. Unser Learning ist: Man kann nur dann wieder mit Macht gestalten, wenn man größere Teile der Bevölkerung hinter sich weiß. Nicht alle Status-quo-Kritiker werden die FDP wählen, ich bin nicht naiv. Aber der überwiegende Teil der Menschen in diesem Land ist genervt vom Stillstand. Unternehmer, gerade Familienunternehmer, sagen mir: Wir wollen weniger Regeln, weniger Subventionen, weniger Eingriffe.

WELT: Sie haben sich nach der Niederlage Zeit für eine Analyse genommen. SPD und Grüne machten einfach weiter. Riskieren Sie mit Zurückhaltung nicht eine Schweigespirale?

Dürr: Bei mir gibt es keine Zurückhaltung. Ich glaube aber, die Menschen erwarten nach einer Niederlage, dass man fragt, was man falsch gemacht hat. Wir haben Fehler gemacht, keine Frage. Der Unterschied ist: Wir haben Konsequenzen gezogen, als einzige Partei. Und wir zeigen nun, wie wir es besser machen wollen: mit dem Projekt einer radikalen Reformkraft in der Mitte. Die Nachfrage ist riesig. Wenn man nicht weiß, wofür man steht, und jeden Tag nur eine neue Sau durchs Dorf treibt, ist man in der Politik fehl am Platz.

Ich kann hiermit zusagen: Die FDP geht nie wieder in eine Koalition, ohne die verbindliche Zusage für größere Reformprojekte auszuhandeln. Wenn diese Reformprojekte von breiten Teilen der Bevölkerung getragen werden, geht das auch in Koalitionsregierungen.

WELT: Innerhalb und außerhalb der FDP entstehen neue Gruppierungen, die sich Liberaler Fortschritt, Ottos Erben oder Liberale Mitte nennen. Thomas Kemmerich ist zu Frauke Petrys „Team Freiheit“ gewechselt. Sehen Sie Separatismus-Gefahren?

Dürr: Nein. Innerparteiliche Zusammenschlüsse sind völlig in Ordnung, solange das gemeinsame Ziel stimmt. Dass Herr Kemmerich die FDP verlassen hat, bedaure ich nicht. Deutschland braucht keine weiteren zotigen Nischenangebote. Solche Formationen sind oft schrill, aber ohne echte Reformagenda. Man überwindet den Status quo nicht, indem man einmal laut auf Instagram brüllt, sondern indem man konkrete Vorschläge macht und sie hart vertritt.

WELT: Die politischen Ränder wachsen. Wer ist gefährlicher – AfD-Chefin Alice Weidel oder Linke-Fraktionschefin Heidi Reichinnek?

Dürr: Mir fällt es schwer, da Grade der Gefährlichkeit zu vergeben. Ehrlich gesagt finde ich beide als Persönlichkeiten eher lächerlich. Gefährlich ist, dass die Status-quo-Parteien keine Antwort auf den Frust vieler Menschen haben. Die Leute wählen Extremisten nicht, weil sie selbst extrem geworden sind, sondern weil sie verzweifelt sind, dass sich nichts ändert. Deswegen sage ich: Ich will keine Status-quo-Partei mehr sein.

WELT: Wie gehen Sie mit der sogenannten Brandmauer um?

Dürr: Ich halte die Brandmauer-Debatte für teilweise absurd und führe sie deshalb nicht. Sie ist immer kostenlose Werbung für die AfD – eine Partei, die wirtschaftspolitisch teilweise linkere Vorstellungen hat als die Linkspartei, etwa bei der Rente. Mit einer Partei, die linksextreme Sozialstaatsideen im nationalistischen Gewand vertritt, kann man nicht arbeiten. Aber wir müssen weg von reiner Moralrhetorik und klar sagen: Das, was die AfD will, ist wirtschaftlich irre – von der Außenpolitik ganz zu schweigen.

WELT: Das FDP-Comeback nach 2013 war eng mit Christian Lindners Persönlichkeit verbunden. Trauen Sie sich eine ähnliche Rolle zu?

Dürr: Die Rolle ist heute eine andere. Damals ging es stark um ein anderes Auftreten – heute geht es um harte inhaltliche Entscheidungen: in der Migrationspolitik, der Bildung, beim Arbeitsrecht, bei der Frage, wie viel Deregulierung wir uns zutrauen, etwa bei künstlicher Intelligenz. Wir müssen viel mehr wagen und als FDP viel konkreter sagen, was wir ändern wollen. 2013 lebte Deutschland noch von den Schröder-Reformen. Heute stehen wir vor einem echten Abstieg. Deswegen reicht es nicht, nur anders aufzutreten – deshalb machen wir klare Reformvorschläge für dieses Land.

Der politische Korrespondent Thorsten Jungholt schreibt seit vielen Jahren über Bundeswehr und Sicherheitspolitik.

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